West-östlicher Spagat

24 November 2009
Creative & Design » Tourism     CDF_13543
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They Just Have To Step Over That Line Un pied à l’Est et l’autre à l’Ouest, pour le plus grand plaisir des touristes 旅行者が東・西半球の両方へ同時に存在できるところ 游客横跨东西之地 Com Um Pé no Oriente e Outro no Ocidente A caballo entre oriente y occidente

Es mag sich zwar nur um eine einfache Linie im Kopfsteinpflaster handeln, doch gehört der Nullmeridian am Royal Observatory in London zu den bekanntesten und wichtigsten Markierungen auf der Erdkugel, denn hier befindet sich das Zentrum der Weltzeit - jeder Punkt auf der Erde wird nach seiner Entfernung in östlicher oder westlicher Richtung von dieser Linie bestimmt.

In diesem Jahr - dem internationalen Jahr der Astronomie - feiert die berühmte Linie, die für die Greenwich Mean Time maßgeblich ist, ihr 125jähriges Bestehen. Besucher aus aller Welt (jedes Jahr besichtigen zwei Millionen Menschen das Observatorium) lassen sich hier gerne fotografieren, wie sie mit einem Bein im Osten und einem Bein im Westen über dem Längengrad stehen: Erinnerung an einen Höhepunkt ihres Aufenthalts in Großbritannien.

Die Sternwarte in Greenwich, die als eine der wichtigsten historischen Wissenschaftsstätten der Welt gilt, erfreut sich in der Tat eines internationalen Publikums. Nicht nur Hunderttausende jugendlicher Besucher aus China, Japan, Indien, Nord- und Südamerika sowie Europa wollen sich im Spagat über der Linie ablichten lassen, sondern auch die Prominenz zieht es an diesen bedeutenden Ort.

Seien es Wladimir Putin aus Russland und US-Präsident Jimmy Carter, seien es Stars aus dem Showgeschäft (wie etwa Tom Hanks), ausländische Würdenträger oder gar sonst eher scheue chinesische Delegationen - sie alle wollen einmal mit einem Bein im Orient und zur gleichen Zeit mit einem Bein im Okzident stehen.

Die Nord-Süd-Linie ist als Zentrum der Weltzeit schlichtweg die Stelle, an dem jeder neue Tag, jedes neue Jahr und jedes Jahrtausend beginnt. Der Nulllängengrad teilt die Erde in eine östliche und eine westliche Halbkugel, genauso wie der Äquator die nördliche von der südlichen Hemisphäre trennt.

Der Nullmeridian wird definiert durch den Standort des großen Teleskops (Meridiankreis) im sogenannten Meridian Building der Sternwarte, das 1850 von George Biddell Airy errichtet wurde, dem siebten königlichen Astronomen. Das Fadenkreuz im Okular des Messgeräts bezeichnet den Längengrad null - so einfach ist das.

Die Festlegung des Greenwich-Meridians als Längengrad null erfolgte 1884 auf einer internationalen Konferenz in der US-amerikanischen Hauptstadt, auf der sich 41 Delegierte aus 25 Ländern mit überwältigender Mehrheit für den englischen Standort entschieden. Frankreich, das sich für Paris als Bezugsort eingesetzt hatte, enthielt sich der Stimme.

Der Sieg ist zum Teil wohl auch dem Umstand zu verdanken, dass damals 72% des Welthandelsverkehrs mit Seekarten arbeitete, auf denen der Nullmeridian durch Greenwich verlief, und dass die USA den Längengrad bereits als Grundlage für ihre eigene inländische Zeitzoneneinteilung gewählt hatten.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts dient der Nullmeridian in Greenwich als Koordinatenbasis zur Berechnung der mittleren Greenwich-Zeit (GMT). Zuvor galt in nahezu jeder Stadt der Welt eine eigene Ortszeit - es gab keine nationalen oder internationalen Normen für die Zeitmessung, für die Festlegung des Tagesbeginns bzw. -endes oder für die Bestimmung der Dauer einer Stunde. Schließlich wurde ein internationaler Zeitstandard unabdingbar.

Das Observatorium in Greenwich, das mittlerweile dem dortigen National Maritime Museum angeschlossen ist, kann auf eine große Vergangenheit in der astronomischen Wissenschaft zurückblicken und hat im letzten Jahrzehnt einen grundlegenden Wandel von einer eher gesetzten Einrichtung zu einem lebhaften und faszinierenden Anziehungsort für Besucher erlebt.

In einem königlichen Park mit einer spektakulären Aussicht auf London auf der einen Seite befinden sich zwei Komplexe nebeneinander, von denen der neuere im Jahr 2007 eröffnet wurde. Alt und Neu bilden ein optisch ansprechendes, sich nahtlos ineinander fügendes Gebäudeensemble.

Dabei wird ein Zeitraum von Jahrhunderten überbrückt - von dem eleganten, im 17. Jahrhundert von Wren entworfenen Flamsteed House aus rotem Backstein (das früher als Residenz des jeweiligen königlichen Astronomen diente) bis hin zu der modernistischen, geschwungenen Bronzekonstruktion auf dem Planetarium.

1997 wurde das Ganze zu einer Stätte des Weltkulturerbes erklärt, wobei die Sehenswürdigkeiten rund um die Begriffe Zeit, Astronomie und Wissenschaft jetzt wie ein modernes Museum wirken. Zu sehen gibt es ein avantgardistisches Planetarium, Teleskope einschließlich des Meridiankreises, eine Sammlung historischer Uhren, darunter die der berühmten Harrison-Uhr, die einzige öffentlich zugängliche Camera obscura und vieles mehr. Ausgestellt ist auch ein Meteoritenstück, dessen Alter auf 1 Milliarde Jahre geschätzt wird.

Heutzutage liegt das Schwergewicht auf der Interaktion mit einem breiten Publikum, und folgerichtig wurde 2008 der erste sozusagen Volksastronom ernannt. Dr. Marek Kukula ist ein anerkannter Experte für entfernte Galaxien, Quasare und supermassenreiche Schwarze Löcher. Er arbeitete neun Jahre für die NASA und das Hubbleteleskop; auch in der Lehre hat er sich einen Namen gemacht, u.a. zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter und dann als Dozent an der Universität Edinburgh.

Seine Leidenschaft für sein Fachgebiet und sein mitreißender Kommunikationsstil verleihen der Tätigkeit in Greenwich eine neue Dimension. Das ganze Jahr hindurch führt das Observatorium eine Serie von Programmen und Ausstellungen durch, der Geburtstag der Meridianlinie wurde mit einer wochenlangen Vortragsreihe und anderen Veranstaltungen gefeiert.

Zweifellos wird der Strom von Besuchern sich auch in Zukunft für die historischen und einzigartigen wissenschaftlichen Objekte interessieren. Alle im Observatorium sind sich jedoch einig, dass vor allem die jugendlichen Besucher sich schnurstracks dahin begeben, wo sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen können - die magische Grenze sehen und überschreiten. 

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